Ein Sieg in Karlsruhe zählt dreifach

28 Okt

Wer besitzt die Rechte an Videos von Amateurspielen? Diese Frage beantwortet der BGH heute in letzter Instanz. Das Urteil im Hartplatzhelden-Fall könnte weitreichende Folgen haben.

Zum Endspurt vor Gericht hat sich Oliver Fritsch hier im Blog bereits in eigener Sache geäußert. Im Hartplatzhelden-Prozess geht um weit mehr als die Frage, wer die Rechte an Videos von Amateurspielen besitzt. Auch Vorberichte in Rundfunk, Presse und Blogs deuten weitreichende Folgen an.

„Die TV-Rechtefrage ist in der Kreisklasse angekommen“, stellt Mathias Budzinski in seinem Film „Hartplatzhelden“, ausgestrahlt in der Sendung sport inside im WDR, fest. Für Herbert Rösch, Präsident des Württembergischen Fußballverbandes (WFV), ist es eine klare Sache, dass demjenigen, der die Spiele organisiere, die Rechte daran zuständen: „Es geht letztendlich ums Geld.“ Oliver Fritsch, der zwischen Trainingsplatz und WG-Küche von der „Schnapsidee Hartplatzhelden“ erzählt, entgegnet: „Bislang mussten wir keine Elefanten kaufen, die uns im Keller das Bargeld platttreten.“ Und Budzinski meint: „Die Verbände beanspruchen die Vermarktungsrechte für sich, und fordern, das Bildmaterial solle auf ihrem Portal fussball.de angeboten werden. In dieser Woche nun soll der Bundesgerichtshof die Frage klären: Wem gehört der Fußball? Den Verbänden oder denjenigen, die ihn spielen?“

Ein Urteil zugunsten des WFV dürfte weiterreichende Konsequenzen haben, schreibt hr online. „Weitere Landesverbände hätten bereits anklingen lassen, der Linie des WFV zu folgen, sagt Fritsch. Es wird ein Grundsatzurteil erwartet, das über die Grenzen von Baden-Württemberg und den Fußball hinaus gelten könnte.“

Christoph Wolf und Stefan Giannakoulis (n-tv.de) verdeutlichen die möglichen Folgen: „Wenn der Bundesgerichtshof die vorangegangenen Urteile in letzter Instanz bestätigt, würde das bedeuten, dass die Rechte an den Bildern im Amateursport – nicht nur im Fußball – ausschließlich beim jeweiligen Verband liegen. Sie alleine entscheiden als Monopolisten, wo diese Bilder zu sehen sind. Und wo nicht.“

Das wiederum entmachtet die Vereine. Leser Dr. Joe schreibt in den Kommentaren auf n-tv.de: „Ich trainiere meine Jugendmannschaft – ohne Bezahlung. Mein Lohn sind die Fortschritte der jungen Kicker und ihr Jubel bei gewonnen Spielen. Unser Platzwart hält den Platz super in Schuss – ohne Bezahlung. Für unsere Jugendmannschaften, und die erste und die Alten Herren. Viele Vereinsmitglieder opfern am Wochenende ihre Zeit für die Instandhaltung, Umbau, etc. von Vereinsheim, usw. Warum? Weil wir alle, und vor Allem unsere Kinder was davon haben. Und weil wir Spaß am Sport haben. Jetzt sagt der Verband, dass das Portal kommerzielle Interessen hat. Na und? Sollten die Hartplatzhelden jemals Millionen damit verdienen, dann könnten die Amateure jederzeit mit den Füßen abstimmen und die Filme woanders hochladen. Wenn der Verband damit Geld verdient, können die Vereine nichts mehr machen. Aus dem Verband oder DFB austreten? Kaum möglich wenn man mitspielen will. Welche kommerziellen Interessen die Verbände haben, oder zumindest deren Funktionäre, zeigen uns FIFA und UEFA ja gerade… Sorry, der Fußball gehört weder den selbstherrlichen Herren Blatter, Platini oder Zwanziger noch den Verbänden. Wenn man gut genug ist, kann man mit Fußball viel Geld verdienen. Aber Fußball selbst kann man doch nicht besitzen. Sonst würde ich das patentieren und sehr schnell sehr reich werden….“

Heinz Peter Kreuzer (Deutschlandfunk) zeigt mögliche Auswirkungen auf die Vermarktung des Profifußballs auf. Auch dieser beobachte das Verfahren in Karlsruhe mit großem Interesse: „In der Vergangenheit musste die Deutsche Fußball-Liga mit dem Bundeskartellamt um die Zentralvermarktung streiten. Die organisatorischen Leistungen der DFL wurden nicht anerkannt. Stattdessen hieß es, der Ligaverband würde ihm nicht zustehende Rechte sammeln und daraus ein Kartell bilden. Eine Entscheidung pro Fußball-Verband würde die rechtliche Situation gänzlich ändern […] Für die DFL würde das ganz neue Vermarktungs-Szenarien bedeuten. Die 20 Uhr-Grenze für Zusammenfassungen im frei empfangbaren Fernsehen könnte fallen.“

Mit derlei gravierenden Konsequenzen für den Profisport rechnet Sportrechtler Prof. Dr. Peter W. Heermann nicht. Auch er gehört zu den Juristen, „die sich gewundert haben, dass die ersten beiden Instanzen zu Ungunsten der Hartplatzhelden geurteilt haben. […] Die Entscheidungen hätten anders ausfallen müssen“, kritisiert er im Interview mit dem Deutschlandfunk.

Jens Weinreich (JensWeinreich.de) fürchtet, der BGH werde das Monopol der Sportverbände erweitern. „Ich gehe vom Schlimmsten aus, wenngleich ich für und mit Oliver Fritsch und die Hartplatzhelden hoffe. Fritsch und sein Projekt haben weiter meine uneingeschränkte Solidarität.“

Tritt der schlimmste Fall ein, hat Oliver Fritsch schon einen Plan in der Tasche. Dem SPIEGEL verrät er: „Wenn wir verlieren, zeigen wir Videos mit wehenden Eckfahnen.“

Tobias Schall (Stuttgarter Zeitung) weiß von einem genervten WFV-Präsidenten Herbert Rösch zu berichten: „In der Stuttgarter Goethestraße, dem Sitz des WFV, hat man sich mit der Rolle des Buhmanns abgefunden, auch wenn man zunehmend genervt ist von der aus Verbandssicht einseitigen öffentlichen Skizzierung. Dort ein sympathisches Portal, das die schöne Seite des Amateurfußballs zeigt, hier der Verband, der die neue Zeit verschlafen hat und sich die Idee eines anderen sichern will.“ Zumindest die Rechtsprechung ist bislang auf Röschs Seite: „0:2, um in der Fußballmetaphorik zu bleiben, liegt der Betreiber des Internetportals Hartplatzhelden.de im Gerichtsduell mit dem Württembergischen Fußball-Verband (WFV) zurück. Doch ein Sieg in Karlsruhe zählt dreifach.“

Weiterhin lesenswert:

Daniel Drepper (sport.zdf.de, ruhrbarone) berichtet über den Fall Hartplatzhelden und führt Interviews mit Oliver Fritsch (ZDF.de) und WFV-Präsident Herbert Rösch (ZDF.de)

Jürgen Kalwas (Carta) analysiert das Urteil des Oberlandesgerichts Stuttgart aus dem Jahr 2009

Matthias Tonhäuser (Neue Westfälische) „Letzte Chance für das Kreisklassen-YouTube“

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17 Antworten to “Ein Sieg in Karlsruhe zählt dreifach”

  1. Ingrid 28. Oktober 2010 um 16:25 #

    Hartplatzhelden haben gewonnen, wurde soeben vermeldet:
    Kein wettbewerbsrechtlicher Leistungsschutz für Amateurfußballspiele
    http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bgh&Art=pm&Datum=2010&Sort=3&nr=53789&pos=0&anz=206

    Glückwunsch an Oliver Fritsch und seine „Hartplatzhelden-Mannschaft“

  2. indykiste 28. Oktober 2010 um 18:38 #

    Herzlichen Glückwunsch zum grandiosen Sieg! Ich freue mich mit euch.

  3. ring2 28. Oktober 2010 um 21:26 #

    ☠: Uns gehört der Fußball! Hartplatzhelden gewinnen vor dem BGH – RespekT!!
    http://s.ring2.de/2An

  4. hasenreizung 29. Oktober 2010 um 00:12 #

    Glückwunsch aus Baden!
    Ab und zu kommen halt doch gute Nachrichten aus Karlsruhe. 🙂

    Das war ein schönes Eigentor der Schwaben!

  5. Fred Kasulzke 29. Oktober 2010 um 06:04 #

    Glückwunsch zum Urteil !!

  6. Christof 29. Oktober 2010 um 07:22 #

    Schöner Sieg der Demokratie. Und an das Durchhalten und das Aushalten. Hatten den Glauben fast verloren. Aber gegen einen solchen Gegner, einen solchen Sieg. Wahnsinn. Das ist so als ob der FC Seeshaupt den FC Bayern schlägt.
    Ich dachte schon das bald Wasserwerfer am Spielfeldrand stehen. Danke. Danke! Danke das ihr das für uns erreicht habt.

  7. Snake Uwe 29. Oktober 2010 um 08:03 #

    Congratulation an die Hartplatzhelden – das war wohl Spiel – Satz und Sieg.

  8. The Hammer 29. Oktober 2010 um 16:22 #

    Congratulations Hartplatzhelden.
    Alle Macht dem Volk, keine den Verbänden! Alte, selbstgefällige, renitente Herren klagen ja ganz gerne mal. Jetzt können sie die Nachbarn wegen ungeschnittener Hecken oder nicht vom Schnee befreiten Bordsteinen vor den Kadi bringen. Wer ist das in der Otto-Fleck-Schneise in Frankfurt? Ah ja, die Eintracht oder der Landesportbund. Auf gehts ihr DFB-Heinis – schaut mal, ob da alles nach eurer Zufriedenheit aussieht.

  9. Rolo 30. Oktober 2010 um 22:46 #

    Jawoll !! Das war überfällig, Herzlichen Glückwunsch. Endlich wurde das arrogante Pack einmal in die Schranken gewiesen. Fussball ist mir bis auf die WM zwar recht egal, aber das freut mich sehr.

  10. Sascha Pallenberg 1. November 2010 um 07:31 #

    Ich kann gar nicht beschreiben wie sehr ich mich gefreut habe fuer euch. Wir hatten ja schon kurz waehrend der „Lawsession“ auf der re:publica im letzten Jahr das Thema angesprochen und du Oliver warst auch noch zufaellig anwesend. Jetzt fast 2 Jahre spaeter habt ihr dem moralischen Sieg auch noch einen hoechstrichterlichen folgen lassen.

    Danke fuer euren Mut, Einsatz und all die Leidenschaft, die ihr denen entgegengestellt habt, die genau das vermissen lassen, ich glaube sie werden Funktionaere genannt.

    Weitermachen, das Momentum nutzen und Hartplatzhelden nun richtig durchstarten lassen. Die Basis des Fussballs dankt es euch jedes Wochenende und ich freue mich im fernen Taiwan, wenn ich mal wieder ne richtig schoene Ascheplatzpoelerei anschauen kann.

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    […] Welche Bedeutung dieses Urteil über den Fall hinaus hat kann man auf dem Hartplatzheldenblog nachlesen: Ein Sieg zählt dreifach. […]

  2. Sieg in letzter Instanz für die “Hartplatzhelden”: BGH verneint wettbewerbsrechtlichen Leistungsschutz für Amateurfußballspiele | LEGALIT.de - 28. Oktober 2010

    […] Die Beklagte betreibt unter der Internet-Adresse “www.hartplatzhelden.de” ein durch Werbeeinnahmen finanziertes Internetportal, in das Besucher von Amateurfußballspielen selbst aufgenommene Filme einstellen können, die einzelne Szenen des Spielgeschehens von ein- bis eineinhalbminütiger Dauer wiedergeben. Die Filmausschnitte können von anderen Internetnutzern kostenlos aufgerufen und angesehen werden. […]

  3. Der Fußball gehört allen | schonleben in Darmstadt - Blog über Politik, Medien-Kultur & Netzwelt - 29. Oktober 2010

    […] viele Hintergrundinfos uns O-Töne findet ihr auch unter denm Blog den Hartplatzhelden.de extra zum Prozess angelegt hat. An dieser stelle gehen meine netzpolitisch solidarischsten Grüße […]

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